Gründungsdaten und Entwicklung der Verlagsgruppe

  • 1810 Verlagsgründung des Robert Lienau Musikverlages von Adolph Martin Schlesinger in Berlin, ab 1991in Frankfurt am Main, jetzt in Erzhausen.
  • Musikverlag Zimmermann, gegründet 1876 in St. Petersburg, Hauptfirmensitz von 1886 bis 1949 in Leipzig, danach in Frankfurt am Main, ab 2013 in Erzhausen.
  • 1885 Gründung des Musikverlages Max Hieber in München, seit 2002 Edition Hieber im Allegra Musikverlag in Frankfurt am Main, jetzt Erzhausen.
  • 1979 Verlagsgründung des Chanterelle Verlages von Michael Macmeeken in Heidelberg, seit Februar 2013Edition Chanterelle im Allegra Musikverlag in Erzhausen.

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Die Musikverlage Robert Lienau und Zimmermann, Edition Hieber und Edition Chanterelle im Allegra Musikverlag

Zeitgeschichte, Wirtschafts- und Verlagsgeschichte, Musikgeschichte und Stilwandel spiegeln sich in der Unternehmensgruppe der Musikverlage Robert Lienau, Zimmermann und Edition Hieber. 200 Jahre deutsches und europäisches Zeit- und Musikgeschehen: Gründerjahre mit Opern und Salonmusik, Jahrhundertwende mit Jugendstil und Melodram, 1. Weltkrieg und Umbruch zur Tontechnik, Inflation und Weltwirtschaftskrise mit Schlagern und gehobener Unterhaltungsmusik, Drittes Reich und Zusammenbruch mit Marschmusik und Zwölftonverbot, Wiederbeginn mit Avantgarde, Unterhaltungsmusik und dem Wunsch nach Unterrichtsliteratur.

Adolph Martin Schlesinger wurde 1769 in Schlesien geboren. Er gründete 1810 die Schlesinger’sche Buch- und Musikalienhandlung in Berlin. In überraschend kurzer Zeit konnte er sein Unternehmen zum erfolgreichsten Musikverlagshaus in ganz Preußen ausbauen. Dabei half ihm der Vertrag mit Carl Maria von Weber über dessen erfolgreichste Opern. 1838 starb Schlesinger und sein Sohn Heinrich führte das Geschäft weiter. 1864 konnte Robert Emil Lienau, geboren 1838, es seinem vormaligen Lehrherrn abkaufen.

Julius Heinrich Zimmermann wurde 1851 in Mecklenburg geboren. Er besaß Geschäftsgeschick als er 1876 sein Unternehmen in St. Petersburg begründete. Er führte es weltoffen und mehrte es durch eigene Instrumentenfabriken, riesige Verkaufsräume und den Verlag. Bis zur Jahrhundertwende festigte sich sein Ruf als einer der einflussreichsten Musikalienhändler Europas. Russische Komponisten wie Mili Balakirew und Sergej Liapounow tauchten schon früh im Verlagsprogramm auf.

Max Hieber wurde 1856 in München geboren. In seiner Heimatstadt eröffnete er 1884 ein eigenes Geschäft. Im angeschlossenen Musikverlag veröffentlichte er vorwiegend Münchner und Bayerische Musik, u.a. den bis heute bekannten „Klampfn Toni“.

Die Firmengründer verstarben, Robert Emil Lienau 1920, Julius Heinrich Zimmermann 1923 und Max Hieber bereits 1914. Ihre jeweiligen Söhne führten die Häuser weiter. Nach der russischen Revolution wurden Wilhelm Zimmermann, geboren 1891, die russischen Geschäfte aberkannt. Es blieb ihm die Unternehmenszentrale in Leipzig. Er nahm sich der Klavierkompositionen von Nicolas Medtner an. Robert Heinrich Lienau, geboren 1866, gewann den wichtigen finnischen Komponisten Jean Sibelius für seinen Verlag. Adolf Hieber, geboren 1898, war noch ganz jung, als der Vater verstarb. Er musste erst angelernt werden, war dann aber in den 1920er Jahren im Bereich Unterhaltungsmusik aktiv.

Was die Inflation aufgeblasen hatte, fraß die Deflation fort. Songs und Unterhaltungsmusik waren jetzt vielgefragt. Wilhelm Zimmermann griff zeitnahe, gehobene Unterhaltungsmusik auf und hatte Erfolg mit Fried Walter, Rio Gebhardt, Clemens Schmalstich u. a. m. Hieber veröffentlichte Werke von Weiß Ferdl, Karl Valentin und Georg Freundorfer. Die GEMA, mitbegründet von Robert Lienau (II.), inzwischen mit verstärkten Rechten ausgerüstet, erwirkte finanzielle Beständigkeit.

Im Dritten Reich mussten sich die Verleger weitgehend darauf beschränken, in gewohnter Weise möglichst ruhig und kontinuierlich weiter zu arbeiten. Das besondere Verdienst dieser drei Verlegerpersönlichkeiten ist darin zu sehen, dass sie gegen die Intentionen der damaligen Machthaber tätig waren. Robert Lienau unterstützte befreundete jüdische Verleger. Wilhelm Zimmermann rettete seinen Verlag trotz seines Status’ als „Nichtarier“. Adolf Hieber gelang es, kurz vor Kriegsende die Sprengung der Isar-Brücken zu verhindern. Dieser Einsatz hätte ihn das Leben kosten können.

Die Nachkriegszeit war für alle drei Verlage schwer. 1946 starb Wilhelm Zimmermann und seine Witwe Edith Zimmermann, geboren 1900, wagte in ihrer Heimatstadt Frankfurt am Main einen Neuanfang. Adolf Hieber musste sein Geschäft, das im Krieg vollkommen zerstört wurde, neu aufbauen. Robert Lienau konnte seinen Verlag aus Altersgründen nicht selbst weiterführen. Die 1903 geborene Tochter Rosemarie Lienau übernahm die Leitung. 1949 starb Robert Lienau (II.). Sein Sohn, Dr. Robert Albrecht Lienau, stieg 1958 mit in die Geschäftsführung ein.

Möglichkeiten für die Verwertung verlagsneuerer wie älterer Orchesterstücke erschlossen sich durch die Verwertung im Rundfunk. Schulwerke und Spielstücke gesellten sich in allen drei Verlagen hinzu, von den Erfordernissen der Aufführungspraxis geleitet. Die Edition Hieber durfte für sich in Anspruch nehmen, die Laien- und Volksmusik gefördert zu haben. Der Musikverlag Zimmermann tat sich auf dem Sektor der Flöten- und Gitarrenmusik, vor allem im Bereich Avantgarde, hervor. Die Geschwister Lienau veröffentlichten den neuen „Tonkünstler-Kalender“ und erzielten hohe Umsätze mit den Klavierschulen von Richard Krentzlin.

Adolf Hieber machte in der Politik Karriere und war in den 1950er Jahren 2. Bürgermeister der Stadt München. 1971, sieben Jahre vor seinem Tod, zog er sich von der Geschäftsleitung zurück und übergab die Firma an Ulrich Seibert, Jahrgang 1938. Unter seiner Führung blühte der Hieber-Verlag auf. Seibert veröffentlichte vielfach preisgekrönte Werke, wie das Liederschulbuch „Lied & Song“, Opernbücher und CDs für Kinder und Bücher der Gebrüder Well (Biermösl Blosn).

Im Musikverlag Zimmermann vollzog sich der nächste Wechsel in der Geschäftsführung 1975 durch das Ableben der Inhaberin Edith Zimmermann. Ihre Tochter Maja-Maria Reis, geboren 1929, führte den Verlag sehr erfolgreich weiter. Sie war die erste Präsidentin des Deutschen Musikverleger-Verbandes. Sie pflegte die bisherigen Verlagsschwerpunkte und rief die neue Sparte Percussion ins Leben. Des weiteren nahm sie die Musiklehren von Ludwig Karl Weber unter Vertrag und veröffentlichte die deutschen Ausgaben der Flötenschulen von Trevor Wye.

1979 gründete Michael Macmeeken seinen Verlag Chanterelle. Sein Ziel war es, einen Referenzkatalog für klassische Gitarrenmusik zu erstellen. Seine Ausgaben wurden schnell für ihre Genauigkeit und hohen Produktionsstandard bekannt.

Die Geschwister Lienau prägten ihren Verlag fast ein halbes Jahrhundert. Aus Altersgründen verkauften sie den Verlag im Jahr 1990 an Maja-Maria Reis und Cornelia Großmann. Rosemarie Lienau starb 1996, ihr Bruder folgte 2001.

Maja-Maria Reis starb im Jahr 2000. Ihre Tochter Cornelia Großmann übernahm die Geschäftsführung der Verlage Zimmermann und Robert Lienau. Schon viele Jahre hatten die Verlage Zimmermann und Hieber miteinander kooperiert. Die Freundschaft der beiden Unternehmen lässt sich bis in die ersten Nachkriegsjahre zurückverfolgen. Es lag daher nahe, dass Ulrich Seibert den Teilbereich Musikverlag an Cornelia Großmann verkaufte. Sie gründete eigens den Allegra Musikverlag und führt den Verlag als Edition Hieber weiter. Unterstützt wird sie in der Geschäftsführung von Volker Mandler.

Die Tradition der Verlage wird fortgeführt. Im Musikverlag Zimmermann erschien die neue Reihe „Piano Moments“ mit neuen Klavierstücken, die Aufforderung zum Crossover jenseits der üblichen Klassik-Alben. Lienau setzt u.a. auf zeitgenössische Komponisten wie Graham Waterhouse und Ivan Shekov. Das Hieber-Programm wurde um CDs aus dem Bereich musikalisches Kabarett, wie Sabine Fischmann, ausgebaut. Die Kinderbuch-Reihe mit Opern wurde durch hervorragende Neuerscheinungen erweitert.

2013 zog die Verlagsgruppe nach Erzhausen um und kaufte den Chanterelle Musikverlag, der im Allegra Musikverlag als Edition weiter geführt wird. Verlagsgründer Michael Macmeeken betreut nach wie vor die Neuausgaben seines ehemaligen Verlages.

Verlagshäuser sind dem Wechsel der Zeiten unterworfen und dienen doch stets der Musik und dem Musikleben. Es gibt so manches, was erwähnenswert wäre, der übersichtlichen Kürze zuliebe jedoch an dieser Stelle ausgeklammert werden muss. Wenn Sie sich dafür interessieren, senden wir Ihnen gerne unsere Verlagsgeschichten zu.

Saskia Bieber

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